Die Chance fairspielt: Gebrochenes Versprechen der EURO 2024

Mehr internationale Sportveranstaltungen – das erklärte Ziel der Stadt Hamburg im Rahmen der Active-City Strategie. Auf die nach erheblichem Widerstand gescheiterte Bewerbung für Olympia 2024 folgend, soll die Fußball Europameisterschaft der Männer (14. Juni – 14. Juli) als nächstes Massenevent die sportlichen Ambitionen der Hansestadt unterstreichen. Vor allem in Bezug auf den Schutz von Menschenrechten und auf Nachhaltigkeit soll dieses Mal Alles besser werden. Der DFB und die UEFA sprechen bei der EURO 2024 vom „bisher nachhaltigsten Turnier“. Zugegeben, die Messlatte im Vergleich zur WM in Katar ist niedrig (wir berichteten). Doch was ist dran an den Versprechen? Wie fair, sozial, zugänglich, vielfältig, also wie nachhaltig ist die EURO wirklich? Die Fair Trade Stadt hat ausgewählte Aspekte näher betrachtet und kommt zu keiner guten Bewertung. Mit einer Ausnahme.

Bunt und Partizipativ? Oder eher restriktiv?

Online sollen Vorhaben wie Public Viewing für zehntausende Fans und schwarz-rot-goldene FahnenmeereErinnerungen an das „Sommermärchen“ 2006 wecken. Zielgruppe sei ein “bunt gemischtes Publikum – von Familien bis Party People”.  Willkommen seien auch “künstlerische und kulturelle Darbietungen”. Das Heiligengeistfeld als eine riesige Party mit Bockwurst und Bier, in dem Fans aller teilnehmenden Nationen gemeinsam feiern – der freundliche Patriotismus einer weltoffenen Hansestadt: tolerant, offen und nachhaltig. Wirklich? Studien legen schon lange nah, dass Rassismus und Xenophobie gerade im Rahmen solcher Veranstaltungen nicht etwa ab-, sondern zunehmen. Soweit nichts Neues. Doch wer ist willkommen auf den Fan-Zone? Wer darf sich künstlerisch und kulturell beteiligen, und unter welchen Bedingungen?

Der Vertrag zwischen der Freien und Hansestadt Hamburg und dem mächtigen, profitorientiertem Verband UEFA wurde ohne Beteiligung der Öffentlichkeit ausgehandelt. Teil des Vertrages bzw. Auflage der UEFA ist das sogenannte “Clean-Site” Prinzip. Es gewährleistet u.a. dem Sponsor adidas, dass konkurrierende und nicht offiziell anerkannte Marken auf der Fan-Zone nicht präsent sind. Davon restriktiv betroffen sind jedoch gemeinnützige Projekte wie das der Fair Trade Stadt Hamburg. Denn: Das vom Team anlässlich der EURO 2024 konzipierte politische Straßentheater zu den katastrophalen Arbeitsbedingungen in der Sportartikelbranche wäre zu kritisch für die Fan-Zone, da wir ausschließlich für fair produzierte Bälle sensibilisieren! Ein Fußballturnier mit fairen Bällen ist daher auch nicht möglich, da adidas noch immer keine fairen Bälle führt und das “Clean-Site” so Fairtrade-Fußbälle unmöglich macht! Auch unser Fußball-Aktionszelt mit einer Mini-Ausstellung zum Fairen Handel im Fußball wäre mit dem “Clean-Site” nicht umsetzbar. Adidas oder andere Sponsoren haben hier (zu)viel Macht und sie lassen keine Kritik zu! Alles höchst schwierig, unter diesen restriktiven Bedingungen vernünftige Bildungs- und Sensibisierungsarbeit zu leisten. Für das Team der Fair Trade Stadt ist klar: Eine Beteiligung auf der Fan-Zone kommt leider unter diesen Limitationen nicht in Frage. Und der bittere Nachgeschmack bleibt. Denn eine kritische, künstlerische und unabhängige zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung mit der EURO 2024 und den intransparenten Lieferketten und Heile-Welt Versprechen der UEFA und seiner Sponsoren scheint nicht erwünscht.

Jedoch gibt es doch eine positive Nachricht innerhalb dieser schwierigen Gemengelage: die bergmanngruppe, die maßgeblich für die Umsetzung der Fan-Meile zuständig ist und hierfür Nachhaltigkeitskriterien entwickelt hat, hat dankenswerterweise den Fairen Handel ganz klar in Stellung gebracht für die Fan-Zone: […”Orangen, Bananen, Avocados, Schokolade, Kaffee und Tee dürfen nur mit einem Fair-Trade-Siegel angeboten werden, z.B. WFTO, Fairtrade, Naturland FAIR, Fair for life…”]. Das ist  auch in diesem Papier dokumentiert. Auch soll ein digitales Tool für die Prüfung, Freigabe und Kontrolle zur Verfügung gestellt werden. Da sind wir sehr gespannt. Die Links zum Tool liegen uns vor. Wir werden uns das dann zu gegebener Zeit genauer anschauen. Die Frage, die dann auftaucht…Faire Limonaden sind bestimmt auch nicht erlaubt, weil Coca-Cola den Lead hat, oder?

Lieferketten und Menschenrechte

Doch wie steht es um den Schutz von Menschenrechten entlang globaler Lieferketten? Im November haben UEFA und DFB eine Menschenrechtserklärung für die UEFA EURO 2024 vorgestellt. Darin wird festgehalten, dass die UEFA und der DFB die Menschenrechte während der EURO 2024 wahren und schützen sowie einen Rahmen für die Umsetzung entsprechender Prozesse schaffen werden. Das ist als erster Schritt begrüßenswert, doch ist der knappe zeitliche Vorlauf dieser Erklärung kritisch zu betrachten. Denn: Sowohl viele Merchandise-Artikel für die EURO als auch der offizielle Spielball von adidas wurden bereits vor einigen Monaten in Fabriken in Ländern des Globalen Südens unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert. Davon ist auszugehen, denn auf der Seite von adidas findet sich keinerlei Info dazu, wie Menschenrechte, d.h. existenzsichernde Löhne, Arbeitsplatzsicherheit, Gesundheitsschutz, im Rahmen der Produktion für die EURO eingehalten wurden – ein blinder Fleck, der der eigenen Menschenrechtserklärung widerspricht. Auch eine angekündigte Bescherdestelle, wo Verstöße gemeldet werden können, bedindet sich seit Monaten “im Aufbau”. Faire Lieferketten erfordern Transparenz und langfristige Bemühungen. Die knapp werdene Zeit macht wenig Hoffnung auf eine glaubwürdige Umsetzung der Versprechen.

adidas: Impossible is nothing?

Schon lange steht adidas wegen mangelnder Transparenz stark in der Kritik: Das Unternehmen hat sich bisher mit keiner Zeile zu den Produktionsbedingungen des offiziellen Spielballs geäußert. Fair produzierte Bälle führt adidas im Gegensatz zu anderen Unternehmen nicht im Sortiment. Der Großteil der weltweit gespielten Fußbälle stammt aus Sialkot in Pakistan, wo Näher:innen oft unter menschenunwürdigen Bedingungen und ohne angemessene Arbeitsrechte zu Niedriglöhnen arbeiten. Im Schnitt verdient ein:e Arbeiter:in in Pakisten unter 1€/Ball, für dessen Fertigung er/sie bis zu 1,5 Stunden benötigt. Der Neupreis des EURO24 Spielballs von adidas: 160€! Die Fair Trade Stadt Hamburg hat als eine von 49 Organisationen einen Offenen Brief an adidas unterzeichnet. Getreu dem adidas Motto “impossible is nothing” fragen wir: “Hej adidas, gibt es schon Neuigkeiten zu den Herstellungsbedingungen vom Euro-Spielball?” Wir haben zwar eine Antwort bekommen, doch diese ist erwartbar dünn und gibt keinen Aufschluss über die Produktioinsbedingungen der Bälle. Ist Nachhaltigkeit und Transparenz für adidas tatsächlich impossible – oder einfach nur nicht gewollt? Die Chance ist fairspielt!

Quo Vadis, Hamburg?

Es bleibt wie bisher: Wieder stehen Prestige und Profit vor Mensch und Planet. Wir fordern in Anbetracht der katastrophalen Arbeits- und Produktionsbedingungen im Sportsektor, die EURO 24 und die Menschenrechtserklärung als einen Wendepunkt zu betrachten, um Betrebungen für mehr Nachhaltigkeit und den Fairen Handel im Breiten- und Amateursport strukturell zu fördern. Die EURO 24 muss der Startschuss sein für weitreichende Veränderungen, unabhängig von knappen Haushaltskassen. Auf die Plätze, fertig, los!

Factsheets

Sie geben einen Einblick in die menschenrechtsverachtenden Praktiken der großen Sportartikelhändler adidas, Puma und NIKE, sowie in die Ballproduktion.

Videos und Audios

Wir fordern von Sportmarken wie Adidas: #PayYourWorkers

The story of Fairtrade footballs