Rückblick Faire Woche 2019

Fotos: Michael Sommer @ El Puente

Starke Frauen haben am 16.09. etwa 50 Teilnehmenden in Hamburg-Altona beeindruckende Einblicke in ihre Arbeit auf vier Kontinenten gegeben. So unterschiedlich die Gegebenheiten und Möglichkeiten in Ruanda, Honduras, Bangladesch, Indien, Osteuropa und Deutschland auch sind: das Ziel „Empowerment“ scheint ein globales zu sein.

Den Auftakt der knapp 4-stündigen Veranstaltung gestalteten Tanja Chawla und Katrin Wolf von filia.die frauenstiftung. Die Privatstiftung mit Sitz in Hamburg fördert Frauenprojekte mit der Vision „Change not Charity“. Betroffene entscheiden selbst darüber, was ihnen hilft. Die Hauptthemen der Stiftung sind „Freiheit von Gewalt“ und „Mitbestimmung“. In Deutschland ist der sehr divers zusammengesetzte Mädchenbeirat aus Frauen zwischen 14 und 22 Jahren ein wichtiges Gremium bei der Auswahl von Projektförderungen. Die Projekterfahrung von filia.die Frauenstiftung zeigt: je erfolgreicher Frauen gestärkt werden, desto größer ist der Gegenwind aus patriarchalen Strukturen und rechten Parteien. Die Stiftung beteiligt sich neben vielen Projekten in Osteuropa auch in einem Süd-Süd-Nord Kooperationsprojekt, das zum Ziel hat, geschlechtsspezifische Gewalt in der Textillieferkette zu reduzieren. Aktivitäten sind z.B. die Errichtung von Beschwerdestellen in Produktionsbetrieben in Bangladesch und Indien, die Schulung der Arbeitnehmerinnen zu ihren Rechten, Ermutigung zum Austausch, nicht nur untereinander, sondern auch mit PolitikerInnen und Gewerkschaften.

Dolores Cruz Benitez aus Honduras ist bereits das dritte Mal in Deutschland, um über ihre langjährige Arbeit mit und für Frauen aus der Provinz La Paz zu informieren. Alles begann 1993 mit dem Radioprojekt „Siempre Vivas“. In fast jedem honduranischen Haushalt gibt es ein Radio, nur damals noch ohne Beiträge von und für Frauen. Das sollte sich ändern. Schon bald wurde der entstehenden Frauengruppe klar, dass für eine nachhaltige Stärkung von Frauenrechten und Mitbestimmung auch finanzielle Unabhängigkeit oder zumindest ein eigenes Einkommen entscheidend sind. So entstand die Kaffeekooperative APROLMA. Ackerfläche zu bekommen war schwierig, exportfähigen Kaffee anzubauen eine weitere Herausforderung, die gemeistert wurde. Im Jahr 2000 konnte die Kooperative erstmalig 30 Säcke Kaffee exportieren – allerdings über eine männlich dominierte Kooperative, denn 30 Säcke machen keinen Container voll. Das ist heute anders: Dolores Augen leuchten, als sie von den 12 Containern berichtet, die heute jährlich an 6 Partner des solidarischen und fairen Handels exportiert werden. Seit 2018 wird der Kaffee auch vor Ort geröstet und verpackt, ein Pilotprojekt mit Erfolg: der Kaffee ist bis Ende September in Deutschland ausverkauft. APROLMA entwickelt sich stetig weiter und bietet jetzt unter anderem auch Fortbildungen für Männer an. Diese seien ja schließlich auch nicht immer Schuldige, sondern ebenfalls Opfer patriarchaler Strukturen, die es zu verändern gilt.

Marthe Uwiherewenimana, Mutter von 11 Kindern, ist Kaffeeproduzentin und Vertreterin der Kooperative KOPAKAMA aus Ruanda. Die Kooperative aus damals 87 Frauen und Männern gründete sich 1987 – vier Jahre nach dem Genozid. Heute liegt die Mitgliederzahl bei über 1000 Personen, davon fast die Hälfte Frauen. Die Kooperative exportiert 9 Container, davon 2-3 in Bioqualität. Marthe berichtet, dass Frauen durch Hausarbeit, Erziehungsarbeit und Lohnarbeit oftmals sehr stark belastet sind, aber kein oder nur wenig Mitspracherecht haben. Die Untergruppe „Ejo Heza“, auf Deutsch „Gute Zukunft“, bietet den 430 ausschließlich weiblichen Mitgliedern den Raum, über Alltagsprobleme zu sprechen und sich gegenseitig zu beraten, vergibt aber auch Kredite an Frauen zu besonders günstigen Konditionen. Jede der Frauen besitzt eine eigene Ackerparzelle mit mindestens 200 Kaffeepflanzen, zumeist ergänzt durch weitere Kulturen. Auch die männlichen Familienmitglieder helfen bei der Bewirtschaftung mit.

Tanja Chawla sagt zu Beginn der Veranstaltung, dass Gendergerechtigkeit eng mit Klimagerechtigkeit und Fairem Handel verbunden ist. Das eine gehe ohne das andere nicht. Auch zum Ende der Veranstaltung, die nur durch die tolle Übersetzung überhaupt möglich gemacht wird, kommen wir auf Nachfrage aus dem Publikum nochmal auf den Klimawandel zu sprechen: können die Frauen sich an Klimaveränderungen anpassen? Machbar, sagt Marthe, denn wir bauen neben Kaffee auch andere Pflanzen an, die Trockenperioden besser überstehen. Existenzbedrohend, sagt Dolores. Wie solle man auf Bewässerung ausweichen, wenn auch die Flüsse austrocknen? Die Zeiten für UmweltschützerInnen seien in Honduras schlecht. Gute Böden und Wasserquellen gehören zumeist mächtigen Familien, sie als kleinbäuerliche weibliche Kooperative ohne Unterstützung aus der Politik hätten kaum Ausweichmöglichkeiten, falls der Regen zu lange ausbleibt.

Nach diesen umfangreichen, wie beeindruckenden Einblicken in die Arbeit von und für Frauen lassen wir das Gespräch bei Kaffee und Keksen ausklingen. Viele ehrenamtliche wie hauptamtliche Weltladenmitarbeitende konnten eindrucksvoll aus erster Hand erfahren, wie wertvoll und wichtig die Stärkung fairer und solidarischer Handelsbeziehungen mit kleinbäuerlichen Kooperativen für eine nachhaltige Entwicklung ist.