Rückblick: Solidarisch schmeckt besser! – Kaffee-Produzent*innen aus Nicaragua und Kolumbien zu Gast in Hamburg

17. Sept. 2026. Am Ende waren sich die Besucher*innen wohl einig: Solidarisch gehandelter Kaffee schmeckt besser. Der Einblick in die Arbeit der Kaffee-Kooperativen Guardabarranco, COSATIN und UCA MiraFlor aus Nicaragua als auch Red Ecolsierra aus Kolumbien hat viele Antworten geliefert und sehr deutlich gemacht, mit welcher Liebe zu Mensch und Natur gleichermaßen Kaffee angebaut werden kann. Für die Kaffeebäuer*innen ist der Besuch in den Ländern der ehemaligen Kolonialisten ein Highlight, denn nicht viele bekommen die Gelegenheit ihre kleine Finca zu verlassen. Umso wichtiger ist der Austausch und die Anerkennung ihrer Arbeit in Anbetracht der großen Herausforderungen durch die Klimakatastrophe und der zunehmenden, weltweiten Handelsunsicherheiten.

Zu Gast waren:

• Damaris Rodriguez und Luis Rodriguez Zeledón von der Kooperative „Guardabarranco“ aus Nicaragua: Diese hat ca. 40 Mitglieder, einen Schwerpunkt auf die Gleichsetzung der Geschlechter und verlässt sich auf biologische Anbaumethoden, ist allerdings (nur) teilweise biozertifiziert, da die Zertifizierung nicht leicht zu stemmen ist.

• Victor Cordero von der Kooperative „Red Ecolsierra“ aus Kolumbien: Red Ecolsierra hat 23 Basisgruppen, in denen die 330 Mitgliedsfamilien organisiert sind, die im Nationalpark Sierra Nevada de Santa Marta Kaffee produzieren.

• Edwin Gonzales Sabalverro vom Kooperativenverband „UCA Miraflor“ aus Nicaragua: Miraflor ist ein Dachverband, der elf kleinere Kooperativen vereint, von denen acht auch Kaffee produzieren. Vier der elf Kooperativen sind reine Frauenkooperativen. Insgesamt sind knapp 400 Mitglieder in der Kooperative organisiert.

• Marcos Duarte von der Kooperative „COSANTIN“ aus Nicaragua: Sein Vater war eines der Gründungsmitglieder der Kooperative und vermittelte ihm früh die zentralen Themen. COSANTIN hat über 320 Mitglieder und ist seit 25 Jahren Fair- und Öko-zertifiziert.

Unsere Gäst*innen im Kölibri

Die Grundausrichtung des solidarischen und Fairen Handels ist der direkte Weg des Kaffees zu den Konsument*innen. Die Beiträge der Gäste untermauern diese Notwendigkeit für solidarischen Handel, denn nur so können die Kaffeebäuer*innen überleben und selbstbestimmt leben. Für sie ist die finanzielle Sicherheit der Kooperative mitunter ausschlaggebend, denn dadurch werden u.a. der Austausch von Fachwissen, die Instandhaltung von Infrastruktur und die allgemeine, gegenseitige Unterstützung oder gemeinschaftlich geführte Werkstätten, Läden oder Schulen umgesetzt.

Große Sorge bereitet die Klimakatastrophe. Ob Starkregen oder Dürreperioden, beide sind sehr gefährlich für die sensible Kaffeepflanze und für die Menschen vor Ort. Das Ökosystem leidet immer häufiger. Die Folgen sind bereits verheerend: es gibt immer weniger Kaffeekirschen am Strauch.

Lösungsansätze sind beispielsweise Sammelsysteme für Regenwasser auf Dächern, um für Dürreperioden Wasser speichern zu können. Ein Schwerpunkt ist auch die Sicherung des Grundwassers, das essentiell ist für gelungenen Kaffeeanbau. Es werden außerdem alternative Anbaumethoden wie diverse Fruchtfolgen und die Bewirtschaftung von unerschlossenen Bergseiten als auch Schattenzonen im sog. Waldanbau weiterentwickelt und ausgeweitet, um die Folgen der Klimakatastrophe besser abfedern zu können. Einen klaren Vorteil bringt der Bio-Anbau mit sich, da der Boden durch den Nichteinsatz von Pestiziden besonders fruchtbar bleibt.

Und nicht zu unterschätzen sind die Straßen vor Ort: Oft liegen die Fincas in bergigen Gebieten, wo Erdrutsche die Folge sind und Straßen unbefahrbar werden. Zumal noch oft die Kaffeesäcke mit Esel oder Motorrad zur nächsten Verladestation gebracht werden müssen.

Ein interessanter Gesprächspunkt war die Gleichstellung der Geschlechter in den Kooperativen. Als wichtige Indikatoren wurden von Damaris eine ausgewogene Geschlechterverteilung, gleiche Beteiligung bei Entscheidungsprozessen und demokratische Strukturen mit Frauen in Verwaltungspositionen genannt. Für eine allgemeine Chancengleichheit sei auch die Bildung der Kinder der Kleinbäuer*innen von großer Bedeutung und müsse somit unterstützt werden. Gemessen an diesen Kriterien gaben alle Vertreter*innen an, in ihren Kooperativen einen hohen Grad an Gleichstellung bereits erreicht zu haben. Dort wo noch Nachholbedarf besteht, sind entsprechende weitere Maßnahmen geplant. Ein Faktor, der Frauen klassischerweise davon abhält, sich vollständig in die Kaffeeproduktion einzubringen, ist, dass sie Hausarbeit und Kinderbetreuung übernehmen und ihnen somit schlicht die Zeit fehlt. In den Kooperativen sei es aber weitgehend normal geworden, dass Männer einen Teil der Hausarbeit übernehmen und die Frauen entlasten, damit sie auch die gleichen Möglichkeiten haben. Auch wenn es sich für uns vielleicht zu einfach anhört: Nach Bedarf werden beispielsweise für die Männer Kochkurse angeboten, um die Frauen tatsächlich zu entlasten. Es wurde betont, dass die Kaffeeproduktion ohne die Involvierung von Frauen nicht funktionieren kann und Luis brachte es in einem Satz sehr schön auf den Punkt: „Der Anbau von Kaffee ohne Frauen ist wie ein Garten ohne Blumen!“

Nicht zuletzt wurde auch über den Generationenwechsel gesprochen, der immer präsenter wird und Handlung erfordert. Victor hebt hervor, dass die Bevölkerung in Lateinamerika, besonders im Kaffeeanbau, im Durchschnitt etwas älter ist, ca. zwischen 50-60 Jahren. Die jungen Menschen wandern tendenziell ab in die städtischen Gebiete. Es ist also umso wichtiger, die junge Generation mitzunehmen und zu begeistern, indem sie u.a. ihre Kompetenzen im Marketingbereich nutzen. Dort können sie eigene Ideen einbringen und moderne Skills passgenau einsetzen. Um besagten Generationswechsel aber gelingen zu lassen, sind weitere Projekte nötig, weswegen es bei UCA Miraflor ein Jugendnetzwerk gibt, von dem sich Edwin erhofft, dass es genug junge Leute erreicht, damit die Existenz der Kooperative(n) auch in Zukunft gesichert werden kann. Unser gemeinsames Ziel muss sein, ökologischen Landbau und handwerkliche Arbeit (wieder), besonders für Kaffee, attraktiv zu machen um weiterhin Kaffee genießen zu können. Das wird nur funktionieren, wenn wir Konsumt*innen bereit sein, dauerhaft höhere Preise für qualitativ hochwertigen Kaffee zu bezahlen.

Der Besuch war für alle Beteiligten ein Gewinn. Die Vertreter*innen der Kooperativen konnten einen Einblick in die lokalen Handelsstrukturen gewinnen, neue Netzwerkpartner*innen treffen und Ideen für neue Röstungen abstimmen. Jetzt müssten wir, im Globalen Norden, allen voran in Deutschland „nur“ noch die Klimakatastrophe ernst nehmen und politische Taten folgen lassen.

Der Besuch wurde möglich gemacht durch die gemeinsame Arbeit von el rojito und der Fair Trade Stadt Hamburg als auch die Gelder der Stiftung für Umwelt und Entwicklung (NUE). Wir bedanken uns sehr herzlich bei allen und freuen uns schon auf die nächsten Besucher*innen.

 

Text: Christine Prießner, Nikolaos Altinoglou

Foto Credits: Christine Prießner, Nikolaos Altinoglou

Foto oben: (v.l.n.r.) Christian, Edwin, Victor, Damaris, Luis, Christine, Marcos