Rückblick: Radical Transformation: Wie das Wissen über Gefühle die Welt verändern kann

Lisa Jaspers im eeden. Foto: Sophie Knauerhase
Am 27. Februar 2026 durften wir in Kooperation mit der Fair-Handels-Beratung Nord zu einem ganz besonderen Abend in den Räumen des eeden Hamburg einladen. Anlass war der Auftakt der Weltladen-Regionalkonferenz, die die FHB Nord jährlich ausrichtet und die den Teilnehmenden aus vielen verschiedenen Weltläden Norddeutschlands die Möglichkeit bietet, sich zu aktuellen Entwicklungen und Debatten im Bereich des Fairen Handels und allgemein der Nachhaltigkeit weiterzubilden und sich mit anderen Aktiven zu vernetzen.
Um den Konferenzteilnehmenden in diesem Jahr einen passenden und gleichzeitig mal etwas anderen Einstieg zu bieten, haben die FHB Nord und die Fair Trade Stadt Hamburg ihre Kräfte gebündelt und Autorin, Aktivistin und Sozialunternehmerin Lisa Jaspers eingeladen, um eine Keynote mit Lesung zur transformativen Kraft von Gefühlen zu halten. Die Veranstaltung Radical Transformation: Wie das Wissen über Gefühle die Welt verändern kann richtete sich neben den Konferenzteilnehmenden auch an die allgemeine Öffentlichkeit im Rahmen des Projekts Hamburg. handelt. dekolonial? und stieß auf so großes Interesse, dass bereits kurz nach ihrer Veröffentlichung alle verfügbaren Plätze ausgebucht waren. Insgesamt konnten wir somit an diesem Abend knapp 70 Interessierte im Publikum begrüßen.
Gleich zu Beginn ihres Impulses betonte Lisa Jaspers, dass heute nicht nur der Geist der Anwesenden eingeladen sei, um einem Vortrag zuzuhören, sondern auch explizit ihre Körper eingeladen sein sollen, im Raum anzukommen. Üblicherweise würden wir in der heutigen westlich geprägten Welt in öffentlichen Räumen permanent in einem Zustand der Unruhe verharren und unsere Umgebung und die Menschen darin meist ganz unbewusst auf Gefahren abscannen. In diesem Zustand hätten wir allerdings kaum die Möglichkeit, Gefühle und Reaktionen auf äußere Eindrücke zuzulassen und zu verstehen. Um diesen Zustand zu überwinden und unsere Körper „produktiv in den Raum zu holen“, startete die Keynote also mit einer Übung, mit deren Hilfe die Gäst:innen sich ihrer eigenen Position im Raum bewusst werden und ein Gefühl von Sicherheit und Ruhe erreichen konnten.

Foto: Sophie Knauerhase
Im Anschluss ließ Lisa Jaspers das Publikum am Entstehungsprozess ihres Buchs Radical Transformation: Wie das Wissen über Gefühle die Welt verändern kann teilhaben, das sie im vergangenen Jahr gemeinsam mit Naomi Ryland und Soraida Velazquez Reve veröffentlicht hat. So hätten sich die drei Autorinnen, die stets der Drang nach der „Verbesserung“ der Welt angetrieben habe, mit der radikalen Frage beschäftigt, ob statt immer mehr Wissensanhäufung nicht vielleicht mehr Gefühle letztendlich zur nötigen gesellschaftlichen Veränderung führen könnten. Die Verbindung zwischen persönlichen Erfahrungen und politischer Analyse mündete schließlich in der Erkenntnis, dass es neue Werkzeuge braucht, um ein alternatives System zu bauen – denn die bisherigen Werkzeuge seien nicht dafür geeignet, dasselbe System wieder einzureißen, aus dem sie entstanden waren. Diese Schlussfolgerung liegt auch den Debatten um koloniale Kontinuitäten und dekoloniale Perspektiven zugrunde, die dem westlichen System in dem Zusammenhang vorwerfen, mit der künstlichen Spaltung zwischen Körper und Geist eine fortschrittliche Rationalität vorzutäuschen, durch die sich bis heute (neo)koloniale Gewalt und asymmetrische globale Machtverhältnisse rechtfertigen lassen. Durch die für sich beanspruchte Vernunft und Aufgeklärtheit kann der Globale Norden ein zu seinen Gunsten geschaffenes System als natürlich und letztlich alternativlos darstellen, welches dadurch auch keinen Raum für grundlegenden Wandel bereithält.

Foto: Sophie Knauerhase
Gleichzeitig sind Lisa Jaspers und ihre Co-Autorinnen überzeugt, dass wir die Werkzeuge, mit denen wir ein besseres System des Zusammenlebens bauen könnten, bereits kennen: das Fühlen, das Spüren und schließlich das Verbinden. Diese sollen es dem Nervensystem ermöglichen, den permanenten Stresszustand zu verlassen und einen Flow zu erreichen, in dem Neues entstehen kann. Während das Spüren für ein Gefühl der Sicherheit in fremden Räumen und das Fühlen für die Reflexion der Vergangenheit und neue Perspektiven in der Gegenwart nötig seien, sehen sie die soziale Verbindung mit anderen Menschen als so lebensnotwendig an wie die Luft, die wir atmen. In dem Zusammenhang schlägt Lisa Jaspers auch das Verständnis des Menschen als homo interconnecticus vor, um die Logiken westlich geprägter (Schein-)Rationalität und damit auch die kolonialen Kontinuitäten unserer Zeit durchbrechen zu können.
Perspektivisch schloss Lisa Jaspers die Keynote mit der Erkenntnis, dass Aktive, die sich für systemische Veränderungen stark machen, in Zukunft vor allem Räume brauchen werden, in denen sie Kraft schöpfen können und Verbindung finden. Gemeinsam könne man sich am besten den gegenwärtigen Krisen und gesellschaftlichen Umbrüchen stellen und neue Wege beschreiten. Im Anschluss waren alle Anwesenden eingeladen, sich noch etwas miteinander auszutauschen und auch ihre Gefühle mit anderen zu teilen, die beim Zuhören in ihnen aufgekommen sind. So ließen wir einen achtsamen und sehr aufschlussreichen Abend langsam ausklingen.
Diese Veranstaltung der Reihe Hamburg. handelt. dekolonial? wurde ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung des Katholischen Fonds‘, des Kirchlichen Entwicklungsdienstes der Nordkirche und der Norddeutschen Stiftung für Umwelt und Entwicklung.

