Rückblick: Aus den Augen, aus dem Sinn? Hamburgs E-Müll in Westafrika

Fotos: Hannimari Jokinen

Im April jährte sich die Hamburger AktionsKonferenz (AktiKo) zum bereits fünften Mal. Auch die Fair Trade Stadt Hamburg beteiligte sich erneut mit einem Workshop am Programm. Unter dem Thema Aus den Augen, aus dem Sinn? Hamburgs E-Müll in Westafrika luden wir dafür am 18. April in die Räume des Gymnasium Lerchenfeld ein.

Als Referentin hatten wir dafür Hannimari Jokinen gewinnen können. Als bildende Künstlerin, Kuratorin, Autorin und langjähriges Mitglied des Arbeitskreises Hamburg Postkolonial hat sie die Spur von Elektroschrott von Hamburg nach Accra/Ghana verfolgt, wo Jugendliche importierten Computerschrott verbrennen, um ihren Lebensunterhalt mit der Müllverwertung zu bestreiten. An der Universität in Kumasi führte sie zudem mit Studierenden einen Workshop zu der Frage durch, welche Folgen unser westlicher Konsumismus vor Ort haben, woraus das Community-Art-Projekt AWAY IS A PLACE entstand.

Zur Einführung in das Thema des Workshops berichtete Hanni von ihrer Recherche zu deutschem E-Müll, die sie vom Hamburger Hafengebiet und den Schrotthändlern in der Billstraße bis nach Ghana führte. Bis heute werden jährlich tonnenweise nicht funktionierende elektrische Altgeräte sowie alte Fahrzeuge aus Deutschland illegal in Länder Afrikas und Asiens exportiert, wo sie auf riesigen Mülldeponien wie dem Gelände Agbogbloshie im Stadtteil Old Fadama der ghanaischen Hauptstadt Accra landen.

Fotos: Hannimari Jokinen

Dort zerlegen und verbrennen vor allem Kinder und Jugendliche die Geräte, um an das innenliegende Metall zu gelangen, welches sie für ein paar Euro verkaufen und somit einen Teil zum Familieneinkommen beitragen können. Die dabei austretenden hochgiftigen Chemikalien landen in den Lungen der Kinder und Bewohner:innen rund um die Deponie wie auch in den Böden, von wo aus sie direkt ins Meer fließen und dort für massenhaftes Fischsterben sorgen. Alte Fahrzeuge, die in Deutschland schon lange keine Hauptuntersuchung des TÜV mehr bestehen würden, landen zudem auf den Straßen sämtlicher Städte Westafrikas, wo sie regelmäßig in voller Fahrt auseinanderfallen und schwere bis tödliche Unfälle verursachen.

Fotos: Hannimari Jokinen

Seit Bekanntwerden der Zustände in Agbogbloshie laufen zudem seit Jahren groß angelegte Umsiedlungskampagnen. Die überwiegend muslimischen Bewohner:innen von Old Fadama sollen an den Stadtrand gedrängt werden. Dort befinden sich allerdings weder Märkte für den Wertstoffhandel noch andere Einkommensquellen, was die Lebensumstände der betroffenen Familien weiter verschlechtern würde und ihnen zudem das konstitutionell festgeschriebene Recht auf die freie Wahl ihres Wohnsitzes verwehrt. Doch örtliche NGOs, die Selbstverwaltung der Community in Old Fadama sowie Projekte wie AWAY IS A PLACE bezeugen auch das Empowerment und die Entschlossenheit der Bevölkerung, sich gegen die Vielfachdiskriminierung zur Wehr zu setzen.

Fotos: Hannimari Jokinen

Ihre Berichte untermauerte Hanni mit zahlreichen Fotos, die sie von ihren Recherchen und Projekten mitgebracht hatte, sowie mit zwei beeindruckenden Asafo-Flaggen, die sie auf ihrer Reise in Ghana hatte anfertigen lassen. Davon ausgehend konnten die Teilnehmenden des Workshops miteinander ins Gespräch kommen. Wir diskutierten dabei u.a. die Wegwerfgesellschaft und den Massenkonsum im sogenannten Globalen Norden, die Zweischneidigkeit von Reparatur und Nachnutzung alter Geräte, wenn sie im sogenannten Globalen Süden landen, die gesundheitlichen und Umwelt-Auswirkungen von illegal exportiertem Elektroschrott, die komplexen Beweggründe der Händler:innen in der Hamburger Billstraße und konkrete Handlungsoptionen, um das Thema Recycling und korrekte Entsorgung von E-Schrott besser in politischen Entscheidungsgremien zu platzieren. Gemeinsam kamen wir außerdem zu dem Schluss, dass vor allem auch an weiterhin festsitzenden, rassistischen Narrativen über Ordnung und Hygiene gerüttelt werden muss. Die Vorstellung von einem Globalen Norden, der sauber sei und sich um seine Umwelt kümmere, während Menschen im Globalen Süden vielerorts im Dreck lebten und ihr Umfeld vermüllen würden, wird schließlich durch den Fakt gebrochen, dass es sich dabei in vielen Fällen genau um den Kleider-, Plastik- sowie Elektromüll handelt, den der Globale Norden legal wie auch illegal exportiert und damit zum Problem anderer macht. Höchste Zeit also, den aus den Augen geschafften Schrott der reichen Industrienationen wieder in den Sinn ihrer Menschen zu rücken.

 

Diese Veranstaltung der Reihe Hamburg. handelt. dekolonial? wurde ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung von Brot für die Welt, des Katholischen Fonds‘, des Kirchlichen Entwicklungsdienstes der Nordkirche und der Norddeutschen Stiftung für Umwelt und Entwicklung.