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“Ich finde es total wichtig, dass die Gastronomie und Hotellerie sich stark macht für fairen, solidarischen und ökologischen Handel”

Gespräch mit dem Gastronomen Ole Plogstedt über fairen Handel in Gastronomie und Hotellerie

Fair Trade Stadt Hamburg: Lieber Ole, du bist Gastronom und setzt dich für faire und solidarische Handelsbeziehungen ein. Warum tust du das?

Es regt mich total auf, dass man darüber überhaupt reden muss und Zertifizierungen wie „Fairtrade“ und „Bio“ scheinbar notwendig sind. Bio und Fair sollte doch der Standard sein. Das Gegenteil ist der Fall: Die konventionellen, durch Pestizide vergifteten Lebensmittel und die durch Ausbeutung der Arbeiter produzierten Lebensmittel machen den Löwenanteil in den Supermärkten aus, ohne Hinweis die giftigen Zusatzstoffe, ohne Hinweis auf prekäre Handels- und Produktionspraktiken. Dadurch, dass wir (Konsument*innen) das so hinnehmen, suggerieren wir, dass wir uns schon mit dieser absurden Normalität abgefunden haben. Fairtrade ist kein „nice to have“ es muss selbstverständlich sein.

FTS HH: Ist der Faire Handel ein Weg, diesen Normalzustand wiederherzustellen?

Ich finde es total wichtig, dass es „Fairtrade“ gibt und es ist noch mit das Beste, allerdings gibt es auch da noch viel Luft nach oben: z.B. habe ich gehört, dass sich sie die Auditoren diverser Zertifizierer (von Rainforest Alliance weiß ich es) anmelden (!), bevor sie die Farmen besuchen, mit dem Grund, dass die Papiere ja zur Überprüfung bereit gehalten werden sollen. Ich frage mich, warum es dann nicht zwei Besuche gibt: einen unangekündigten für die Betriebsvisite und einen für die Sichtung der Papiere.

Mich ärgert auch das Verhalten vieler Betriebe auf dem Absatzmarkt, die ein bisschen Fairtrade anbieten. Fairtrade kann so schnell zum Spielball werden. Der Absatzmarkt bietet genau so viel Fairtrade-Ware an, wie die Kunden nachfragen. Und nicht, weil die Händler selbst dahinterstehen. Ich sehe Fairtrade in der aktuellen Form lediglich als Tool. Ziel sollte doch sein, dass es allen Menschen gut geht und unfaire Wirtschaftspraktiken komplett abgeschafft werden.

Man muss sich doch mal die Diskrepanz vor Augen führen: die Politik schafft es, ein bundesweites Nichtrauchergesetz einzuführen. Und schafft es nicht, dass keine Schokolade mehr nach Deutschland kommt, die durch die Hände von Kindersklaven gegangen ist! Das wird nicht unterbunden! Ich finde es total gut, dass sich Leute für Fair Trade einsetzen und die Produkte kaufen. Aber für mich ist ganz klar: das muss mit einem tiefgreifenderem Wandel und entsprechenden politischen Entscheidungen einhergehen. Daran arbeiten ja auch viel NGOs. Auch mit Erfolg, also zumindest mit Teilerfolg. Lidl beispielsweise feierte sich ja für sein „tolles und faires“ Obst und Gemüse. Dabei hatten sie, um mal bei den Bananen zu bleiben, gerade mal 8% Fairtrade-Bananen im Programm. Vor ein paar Monaten haben sie angekündigt, dass sie auf 100% Fairtrade-Bananen umsteigen wollen. Das ist ein toller Erfolg und ermutigt, weiter für Fairness zu kämpfen, aber das reicht noch lange nicht.

Im April dieses Jahres stimmte der EU-Ministerrat, wohl auf Druck von NGOs, wie Fairtrade-Advocacy, Oxfam, …, formell den neuen Richtlinien zu einem Verbot von unfairen Handelspraktiken zu. Die Bundesregierung muss nun diese Richtlinien in deutsches Recht umsetzen. Ich hoffe sehr, dass dies schnell und im Sinne der Arbeiter und Kleinbauern geschieht und nicht wieder mit der betreffenden Industrie darüber verhandelt wird. Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Es ist quasi Gefahr in Verzug.

FTS HH: Wie schätzt du die Situation von Fairen Produkten in Gastronomie- und Hotelleriebetrieben ein?

Viele Gastronom*innen haben echt Probleme, überhaupt über die Runden zu kommen. Systemgastronomie und Hotellerie ist nochmal was anderes, weil die auch mit anderem Geld verdienen. Aber gerade als kleines Restaurant, das gut kochen und auch noch gute Produkte einsetzen will, ist man echt gearscht, da muss man schon ziemlich gut etabliert sein. Das habe ich auch am eigenen Leibe gelernt.

Ich finde, für Fair Trade muss man erstmal das Bewusstsein haben, sonst machst du das auch bloß, weil die Leute in deinem hippen Viertel Bio ganz toll finden. Natürlich ist das nicht schlecht, aber für mich ist ein Zertifikat kein richtiges Argument, für mich ist ein wirkliches Argument zu wissen, wo und wie das Produkt hergestellt wurde.

FTS HH: Du selber hast einen Cateringbetrieb. Wie hältst du es mit dem ethisch-verantwortungsvollem Einkauf und wo bekommst du deine Produkte her?

Ich muss teilweise für 50 bis 150 Leute am Tag auf Tournee kochen. Ich sehe zu, dass ich auf das Schlimmste – z.B. Produkte von Nestlé – verzichte und dass ich, was geht, in Bio und Fair kaufe und möglichst wenig Plastik verbrauche. Ich gucke, wo meine Produkte herkommen und kann dann auch mal auf eine Zertifizierung verzichten. Ich kaufe zum Beispiel in Hamburg im Süd-Nord Kontor Produkte vom 100%-Fair-Händler GEPA ein und oft auch direkt beim Erzeuger. Ich kann Fair und Bio aber nicht 100%-ig gewährleisten, erstmal bekomme ich die Produkte in der Menge oft gar nicht an den Start und dann muss ich auch noch schauen, dass ich noch wettbewerbsfähig bleibe.

FTS HH: Was kann man als Gastronom*in oder Hoteliers für den Fairen Handel tun?

Was ich den Leuten raten würde, ist, ihre Händler zu fragen und zu sagen, ich möchte gerne Fair Trade Produkte kaufen. Das wäre ein Schritt, das erstmal an seine Händler weiterzugeben. Je mehr Anfragen die bekommen, desto mehr müssen sie sich auch umorientieren. Was ich auch gelernt habe, als ich mit der „Make Fruit Fair – Kampagne“ in Ecuador war, dass in Deutschland total viel Wert auf die Optik gelegt wird. Ist auf einer Banane ein schwarzer Fleck, weil da mal ein Vogel gesessen hat, kann die gleich nicht mehr verkauft werden und wird mit Glück noch verfüttert oder zu Püree verarbeitet oder aber weggeschmissen. Oder der Steinbutt ist zu klein und wird vom Gastronom wegen seiner Größe als „Gift“ betitelt (O-Ton einen bekannten Sternekochs(!)). Das ist doch krank.

Viele Gastronom*innen hier wollen nur das die makellosesten Produkte haben und nicht nach rechts und links schauen und genau das ist aber auch ein Grund, warum Menschen unfair behandelt werden. Wenn bei einem Container Bananen stichprobenartig die Ware überprüft wird und da sind in zwei Kartons kleine optische Fehler auf den Bananen, dann wird gleich die ganze Reihe entsorgt und zwar fast immer zu Lasten des Produzenten. Ich finde, man sollte mal von diesem Qualitätswahn runterkommen und nicht nur bewerten, wie das Essen aussieht, sondern wie man mit den Produkten umgeht.

Gastronomie ist ja auch ein Medium. Da sind viele Leute, die etwas essen, das heißt man kann da auch durchaus Dinge transportieren. Deswegen finde ich es total gut, wenn Gastronom*innen über ihre Produkte informieren. So kann man Bewusstsein schaffen.

FTS HH: Schließt man mit höheren Preisen nicht auch Menschen aus?

Naja schon, deswegen ist auch meine Botschaft an die Politik: subventioniert Fair Trade Produkte und macht sie (endlich) zum Standard! So dass dann andere nachziehen müssen. Allerdings muss man sagen, dass Fair auch heute nicht immer teurer ist: nach wie vor ist der konventionell angebaute deutsche Apfel teurer als die Fairtrade Bio-Banane. Wie das sein kann, habe ich nicht verstanden.

Das Argument der Lebendmittelindustrie ist ja: „Der/die Konsument*in will ja “billig“, also müssen wir das bedienen.“  Aber es ist nicht einzusehen, dass vom Konsumenten erwartet wird, tiefer in seine Tasche zu greifen, um ethisch vertretbare Waren zu kaufen, während die extrem gewinnorientierte Industrie von der Politik mit Samthandschuhen angefasst wird.

Wir Bürger*innen müssen viel deutlicher von der Politik fordern, in erster Linie im Sinne der Menschenrechte und nicht im Sinne des „Wachstums“, bzw. der ausbeuterischen Industrie zu regieren.

Außerdem fände ich es total klasse, wenn man ein neues System zur Bepreisung von Frischware einführen würde: es könnte drei Kategorien geben und die Ware – Fair und Bio als gesetzlicher Standard – wird nach Frischegrad bepreist. Maximal zwei Tage alte Ware ist teuer, drei bis fünf Tage alte Ware hat einen mittleren Preis und wenn die Ware älter als fünf Tage ist, ist sie am billigsten. Viele kleine Händler haben ja auch kaum Marge bei vielen Frischeprodukten. So wie es aktuell läuft, bleibt halt total viel liegen und wir haben Foodwaste ohne Ende.

FTS HH: Gibt es sonst noch etwas, was du sagen möchtest?

Ich möchte nicht die Gastronomie entmutigen – ich finde es total wichtig, dass die Gastronomie und Hotellerie sich stark macht für fairen, solidarischen und ökologischen Handel. Und ich möchte die Konsument*innen motivieren, sich genau solche Läden zu suchen und die dann zu supporten und vielleicht auch mal ein bisschen mehr Geld auszugeben und dann eben an anderer Stelle weniger. Geld ausgeben ist ja auch oft eine Frage von Prioritäten.

FTS HH: Lieber Ole, vielen Dank für das Gespräch und auch für dein Engagement für verantwortungsbewussten Umgang mit Mensch und Natur!